Wie sicher ist Ahnenforschung?

Ahnenforschung leicht gemacht | FAQ

Ahnenforschung Tobolka Fehler

Von einer Kundin bin gefragt worden: Wie sicher ist die Forschung? Anfangs hat mich die Frage verblüfft. Doch dann fand ich sie gar nicht so verkehrt. Fiktive Genealogien haben eine lange Tradition, im Volksmund kursiert manch verzerrte Vorstellung über die Lebensweise unserer Vorfahren, und auch in heutigen Genealogien nisten sich oft gravierende Fehler ein.

Fiktive Genealogien

Immer schon gaben Völker und Herrscher sich einen mythischen Ursprung, eine Abstammung von einem Gott, führten sich auf berühmte Männer und Familien zurück. Damit erwarben sie Charisma, legitimierten ihre Herrschaft, und grenzten sich von anderen ab.

Völker

Die alten Römer leiteten sich von den Trojanern ab. So sollen die Überlebenden des Trojanischen Krieges unter der Führung von Aeneas nach Italien gezogen sein und hätten dort die Stadt Rom gegründet: das neues Troja.

Ebenfalls auf Aeneas führten sich die Franken zurück, die im 5. Jahrhundert unter den Merowingern nach und nach Gallien eroberten, und unter den Karolingern das Reich auf Germanien und Italien ausdehnten.

Habsburger

Ein anderes Beispiel sind die Habsburger. Als im Jahr 1273 Rudolf von Habsburg überraschend zum deutschen König gewählt wurde, geriet er in Konflikt mit Ottokar II., dem mächtigen König von Böhmen, der ihm vorwarf, bloß ein armer, kleiner, schwäbischer Graf zu sein. Vergleicht man das Territorium, über das beide herrschten, möchte man dem Böhmen gar zustimmen.

Ein genauer Blick aber besagt etwas anderes, denn mehr Fläche bedeutete noch lange nicht auch mehr Reichtum, denn im Osten des Reiches überzogen noch dichte Wälder das Land, während es im Zentrum bereits einen lange andauernden Landesausbau gab, der dazu noch auf die alten Strukturen der Römer aufbaute.

Propaganda gab es aber schon damals, und so musste Rudolf diesen Behauptungen Etwas entgegensetzten: seine Abstammung. Aus politischen Gründen kam eine Abstammung von Karl dem Großen nicht in Betracht, da wären die Anjou verärgert gewesen, die in Frankreich den König stellten, und sich vom großen Karolinger ableiteten. Auch die tatsächliche Verwandtschaft mit den Hohenstaufern in den Vordergrund zustellen, war nicht ratsam, da das Papsttum auf diese Dynastie nicht gut zu sprechen war. Was also tun?

Letztlich leiteten sich die Habsburger von der römischen Senatoren und Patrizierfamilie der Colonna ab, die sich ihrerseits auf die römischen Kaiser beriefen, diese wiederum auf die Julianer mit deren berühmtesten Vertreter Gaius Julius Caesar. Damit ist die Konstruktion aber nicht zu Ende. Die Julianer selbst legitimierten sich durch eine Abstammung von den ägyptischen Pharaonen, und die wiederum leiteten sich von den heiligen Apisstieren ab. Wenn wir nun sarkastisch sein möchten, könnten wir diese ganze Abstammung verkürzen auf den Satz: Die Habsburger stammen von Stieren ab.

Die tatsächliche heute anerkannte Abstammung der Habsburger ist zwar nicht ganz so spektakulär, aber dennoch nicht ohne. Als Stammvater gilt Guntram der Reiche von Muri, der wiederum wohl der Familie der Eberharde entstammt. Und diese gehen zurück auf die Etichonen, die im frühen 7. Jahrhundert die gleiche Stellung im fränkischen Reich innehatten, wie die Arnulfinger: besser bekannt als Karolinger. So schlecht wäre diese echte Genealogie gar nicht gewesen, oder?

Ableitung aus der Bibel und andere Spielereien

Dieser kurze Ausflug in die Kulturgeschichte der fiktiven Genealogien hatte nicht zum Ziel, bloß einen längeren Text zu fabrizieren. Der Grund liegt im Aufzeigen der eingangs erwähnten langen Tradition, denn auch heute noch finden sich fiktive Abstammungen.

Ich erinnere mich noch gut an eine Vorlesung, die ich zum Thema »Geschichte Frankreichs im Mittelalter« besucht habe. Sie handelte vom Ende der Römer, der Eroberung Galliens durch die Franken und endete mit der Erlangung der westfränkischen Krone durch die Kapetinger. Also von ca. 500 bis ins 10. Jahrhundert.

Als die Karolinger ihr Prestige und damit ihre Macht verloren, rangen mehrere Familien um die Krone. Und so sprang der Vortragende von einer Dynastie zur anderen, um die Ereignisse und Entscheidungen aus mehreren Blickwinkeln darzustellen. Ich fand es überaus spannend, aber auch verwirrend. Also beschloss ich, diese Familien für mich »zu erforschen«: Ich schrieb deren Abstammungen ab und übertrug sie in ein Genealogieprogramm.

Jahre später griff ich diese Arbeit wieder auf. Ich war neugierig, was das Web diesbezüglich so alles zu bieten hatte. Dabei stieß ich auf eine Genealogie der älteren Bourbonen: Die Archimbalde – benannt nach deren Leitname Archimbald (Archambault). Es gab acht davon. Leider ist der genaue genealogische Zusammenhang unklar. Doch in der Auflistung aus dem Internet ist sie klipp und klar. Einer stammt vom anderen ab. Und nicht nur das. Archimbald I. hatte einen Vater und dieser ebenso. Es ging immer weiter zurück bis am Ende Adam und Eva standen. Auch auf der anderen Seite der Genealogie, also weiter Richtung Gegenwart, gab es eine Generation nach der anderen: Bis zum Ersteller der Genealogie. Der gute Herr meinte also allen Ernstes, sich von Adam ableiten zu müssen. Dass dies bloß einen großen Humbug darstellte, war ihm einerlei.

Diese kleine Episode steht jedoch nicht für sich alleine. Eine Ableitung vom »ersten Menschen« ist zwar nicht so weit verbreitet, aber es gibt viele, die ihre eigene Herkunft dadurch erhöhen, indem sie sich von einer Adelssippe ableiten. Nicht nur haben sie dadurch mehrere berühmte Personen der Geschichte in ihrem Stammbaum, sie rühmen sich auch damit, kommen sie doch zurück bis ins Mittelalter. Leider müssen sie dafür ein wenig Tricksen.

Fiktive Genealogie entstehen aber nicht immer aus einer Absicht heraus. So findet sich auf den großen, kostenpflichtigen Genealogieseiten in den USA Unmengen des Familiennamens Unn. Dummerweise handelt es sich dabei nicht um die größte Familie der Welt, sondern bloß um ein Synonym. UNN steht für »Unkown Name« (Unbekannter Name).

Bedauerlicherweise greift auch noch die Unsitte um sich, die Arbeit Anderer ungefragt und unhinterfragt zu kopieren. Einmal eingeschlichene Fehler setzten sich so immer weiter fort. Und passt eine Person nicht zu 100%, wird sie eben passend gemacht.

Alter=Daumen*Pi

Die wichtigsten Quellen für Ahnen- und Familienforschung sind Kirchenbücher (Tauf-, Trauungs- und Sterbebücher). Nur dort finden sich »eindeutige« und gesicherte Angaben zur Generationenabfolge. Freilich müssen wir diese erst mühsam heraussuchen.

Sobald wir aber ein paar Generationen zusammen haben, bemerken wir ein seltsames Phänomen: Die Angaben des Alters stimmen selten mit den tatsächlichen Lebensdaten überein. Wie kann das sein?

Hier müssen wir uns immer vor Augen halten, dass die Lebenswelt unserer Vorfahren eine andere gewesen ist, als die, in der wir heute leben. Wir sind von Uhren umgeben, von Kalendern. Zig Geräte sagen uns, welcher Tag heute ist, welcher Monat, welches Jahr. All dies hatten die Menschen früher nicht zur Verfügung. Und schon gar keine Geburtsurkunden oder Taufscheine. Wie alt war nun aber die alte Anna, die gestern gestorben ist? Die hat doch immer erzählt, was damals so alles passiert ist, damals als … Und wann war dieses Ereignis? Naja, so vor 70, 80 Jahren vielleicht. Gut, dann ist sie halt Daumen-mal-Pi 76 Jahre alt geworden.

Das angegebene Alter in Sterbeeinträgen stimmt meist nicht mit dem tatsächlichen Alter überein, weil die Menschen es gar nicht wussten. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert näherte sich das Eingetragene dem Tatsächlichen an. Und der Unterschied konnte beträchtlich sein. Bis zu zehn Jahre und mehr.

Hier greift also eindeutig das Prinzip: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Kuckuckskinder

Wenn also schon eine Angabe in den Einträgen oft falsch ist, wie sieht es mit dem Rest aus? Klar, wenn im Taufeintrag steht, die Mutter war die Maria, und im Heiratseintrag findet sich, sie hat den Johann Huber geheiratet, dann ist klar, die Maria ist die Mutter des Täuflings.

Doch was ist mit dem Vater?

Wer ein Kind gezeugt hat, ist nur in der weiblichen Linie absolut sicher – die moderne Leihmutterschaft mal ausgenommen, aber auch hier würde eine DNA-Analyse für Gewissheit sorgen. Die Vaterschaft aber ist so eine Sache. Ohne Gentechnik könnte jeder Mann in Frage kommen. Und haben wir heute nicht zig Geschichten, in denen Frauen ihren Ehemännern, Lebenspartnern, etc. ein Kind aus einem Seitensprung unterjubeln? Wenn es heute möglich ist, dann früher doch sicher auch, oder?

Es gibt aber einen Unterschied von früher zu heute, und der ist entscheidend. Nicht nur in der Frage der Abstammung, sondern zur gesamten Lebenswelt unserer Ahnen: die Mentalität.

Wir betrachten die Vergangenheit mit unseren Augen, unseren Erfahrungen, unserem Wissen, mit unserer Weltanschauung. Aber unsere Vorfahren lebten in einer anderen Welt, einer anderen Zeit. Weder besaßen sie unser Wissen, noch teilten sie unsere Werte. Sie fühlten anders, dachten anders, lebten anders. Sie verhielten sich schlicht anders als wir.

Mentalität

Sexualität durfte nach Auffassung der Kirche nur in einer Ehe stattfinden. Die Kirche drohte jedem mit der ewigen Verdammnis, der sich nicht daran hielt. Und die Leute glaubten es. Also verhielten sie sich entsprechend – mit Einschränkungen.

Aber nicht nur der Glaube spielte eine entscheidende Rolle. Für die Kirche bestand der Sinn der Ehe darin, Kinder in die Welt zu setzen. Für die Leute selber aber ging es um ihr materielles Wohl. Denn nur durch eine Ehe konnte ein Haushalt gegründet, der Hof vererbt und das Ausgedinge (Pension, Rente) gesichert werden. Und um eine »gute Partie zu machen«, musste der Hof und dessen Bewohner von entsprechendem Ansehen sein. Dazu zählt auch Ehre und Tugendhaftigkeit. Womit wir wieder beim Prestige, beim Charisma währen – diesmal in der Bauernschaft.

Einschränkungen?

Die ideale Welt in der Vorstellung der Kirche entsprach nicht immer der tatsächlichen Lebensweise der Bauern. Es gab Traditionen, die sich in Ritualen, Festen, Feiern widerspiegelten (Kultur). Und dazu zählten auch voreheliche Kontakte bis hin zum Beischlaf, falls diese eine Ehe als Ziel hatten. Weswegen die Kirche auch darüber hinwegsah. In manchen Regionen wurde gar erst dann geheiratet, wenn die Frau schwanger war. »Ausprobieren«, »zur Probe Liegen« nannten es die Leute damals. Sex ohne Eheabsicht jedoch galt als verwerflich.

Uneheliche Kinder

Nun gab es aber auch uneheliche Kinder. In manchen Regionen und Zeiten waren sie überschaubar mit 5%-10%, in anderen schnellte die Zahl auch schon mal auf 70% in die Höhe. Wie passt dies also in das Bild?

Ich möchte hier mit einer Gegenfrage antworten. Was passiert, wenn eine angestrebte Ehe doch nicht zustande kam? Richtig, die Frau war schwanger, blieb aber ledig. Und Gründe für das Nicht-zustande-Kommen gab es viele. In der Geschichtswissenschaft führte die Frage der unehelichen Kinder zu einer regen Forschungstätigkeit. Das Thema ist komplex und umfangreich, und die Ergebnisse zeigen, dass voreheliche Sexualität nichts mit Kuckuckskindern zu tun hatte.

Eine belgische Studie, durchgeführt an der KU Leuven in 2016, fand gar heraus, dass der Prozentsatz an Kuckuckskindern in historischer Zeit bei bloß knapp 1% pro Generation lag. In der Ausgangsthese gingen die Forscher noch von einem Ergebnis von rund 10%-20% aus – etwa dem heutigen Wert. Als Grund nennen die Forscher neben kulturellen Gepflogenheiten vor allem die Angst vor einer Entdeckung durch den verprellten Ehemann und den daraus resultierenden Folgen nicht nur für die Frau, sondern auch für die Kinder.

Veröffentlichung der Studie der KU Leuven.

Falsche Einträge?

Je weiter wir in der Zeit zurückkommen bei unseren Forschungen, desto geringer wird der Informationsgehalt der Kirchenbucheinträge. Das führt bei Taufen dazu, dass die Mutter des Täuflings bloß mit Vornamen genannt, oder bei Trauungen die Eltern des Brautpaares nicht angeführt worden sind. Aber selbst wenn mehr Informationen aufgeschrieben worden sind, sollten wir diese immer mit Vorsicht genießen.

Sehen wir uns alle Taufeinträge eines Paares an, kommt es manchmal vor, dass die Angaben zur Mutter wechseln. Da gibt es plötzlich unterschiedliche Väter der Mutter. Oder der Familiennamen ändert sich. Wie kann das sein?

Die Sache mit den Namen ist schnell erklärt. Früher wurde nach dem Hörensagen geschrieben. Was nichts anderes heißt, als dass der Pfarrer das eingetragen hat, was er gehört hat. Und es gab keine verbindliche Rechtschreibung. Da wurde aus dem Johann schon mal ein »Hans«, »Hansen« oder gar ein »Hannß«, oder aus dem Zunamen »Groß« ein »Kross« – samt weiterer Schreibweisen.

Und die unterschiedlichen Angaben zur Mutter? Vielleicht hat der Vater des Täuflings erneut geheiratet, der Pfarrer aber noch an die erste Ehefrau gedacht. Oder die Mutter war schon zuvor verheiratet gewesen, und der Pfarrer hat einmal den Mädchennamen dann wieder den des ersten Ehemannes eingetragen. Woraus wir wieder einmal lernen, auch Pfarrer waren bloß Menschen.

Um falschen Angaben nicht auf den Leim zu gehen, hilft nur eine gründliche Quellenkritik. Und dazu zählt auch, Angaben anderer nicht einfach zu übernehmen, sondern immer die Originalquelle (Primärquelle) zu überprüfen, aber auch andere Quellen mit einzuschließen (zB. Einträge zu Geschwistern).

Schluss

Wir sicher ist nun die Forschung? Ich möchte es mal so formulieren: Wenn wir gewissenhaft an die Forschung herangehen, können wir in der Regel davon ausgehen, dass die Ergebnisse stimmen. Manchmal braucht es detektivisches Gespür. Auch Kenntnisse der Geschichte helfen sowie Erfahrung. Was wir tunlichst vermeiden sollten, ist, unsere Welt in die Vergangenheit zu projizieren. Stattdessen gewöhnen wir uns an, jede Quelle anzuführen, aus der wir unsere Erkenntnisse ziehen.

Und um Kuckuckskinder brauchen wir uns keinen Kopf zerbrechen, selbst wenn wir einen Fall hätten. Beweisen lassen sie sich ohne genetisches Material ohnehin nicht.

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