Anleitung Ahnenforschung: Kurrent, Sütterlin und die Deutsche Schreibschrift

Ahnenfoschung leicht gemacht | Anleitung Teil 4

Jede Handschrift ist einzigartig. Manche sind gut zu lesen, bei anderen stellen sich uns die Fingernägel auf. Noch schwieriger wird es bei Texten in einer fremden Schrift. Hier führt leider kein Weg daran vorbei, als die Ärmel aufzukrempeln und Lernen, diese Schriften zu lesen.

Und das gilt auch für die »Deutsche Schreibschrift«.

Begriffserklärung

Wissen Sie, was mit »Deutscher Schreibschrift« gemeint ist?
Wenn nicht, dann sind Sie nicht alleine. Das hat auch Manfred Braun erfahren, als er für ein Lehrbuch in einer Anzeige um Schriftmaterial gebeten hat. Bekommen hat er Bücher in Frakturschrift. Erst als er »Sütterlin« erwähnte, ging vielen ein Licht auf, anderen bei der Erwähnung von »Kurrent«.

Im Volksmund bezeichnen alle drei Begriffe den gleichen Sachverhalt: Die alte Handschrift, die noch unsere Groß- und Urgroßeltern in der Schule gelernt haben.

Aber es gibt Unterschiede.

Schriftbeispiel Deutsche Schreibschrift 1927

Deutsche Schreibschrift 1927

Das Wort »Kurrent« leitet sich ab vom lateinischen »currere« (laufen) und bezeichnet eine fortlaufende, wenig unterbrochene Schrift. Demnach ist auch die Lateinschrift eine Kurrent- bzw. Kursivschrift.

Ebenso unpräzise ist die Bezeichnung »Süttlerin«. Dieser Begriff bezieht sich auf eine Schrift, die zwar auf den älteren Formen der »Deutschen Schreibschrift« beruht, aber bloß, deren letzte bedeutende Entwicklungsstufe bezeichnet. Und die geht zurück auf Ludwig Sütterlin (1865-1917), der 1911 diese Schrift entwickelt hat. Ab 1925 wurde sie in Österreichs Schulen gelehrt, 1941 im Dritten Reich aber verboten – wie auch die Fraktur im Buchdruck.

Bleibt also noch »Deutsche Schreibschrift«. Dieser Begriff stammt aus der Paläographie (Schriftenkunde) und bezeichnet die Schreibschriften, die vor allem im deutschen Sprachraum nördlich der Alpen von ca. 1500 an verwendet wurden. Allerdings benutzen ihn nicht alle Paläographen.

Wer wird denn gleich so kleinlich sein …

Wenn die drei Begriffe im Prinzip das Gleiche meinen, wozu das Herumreiten auf den Unterscheidungen?

Wie eingangs erwähnt, kommen wir nicht darum herum, zu Lernen, die alten Schriften zu Lesen. Suche ich nun nach »Sütterlin«, bekomme ich womöglich auch bloß zu dieser Schrift ein Ergebnis. Doch bei Texten aus früheren Jahrhunderten wird es schwierig, denn diese Unterscheiden sich erheblich vom »Sütterlin«.

Und wenn ich nach einem Lehrbuch zu den älteren Schriften suche?

Auch das oben von Manfred Braun erwähnte Buchprojekt trägt einen unscharfen Titel: »Deutsche Schreibschrift«. Das Buch beschränkt sich aber auf das 20. Jahrhundert, was klar wird, sobald der Untertitel in den Fokus rückt, denn dort tauchen die beiden anderen Begriffe auf.

Schriftbeispiel Deutsche Schreibschrift 1860

Deutsche Schreibschrift 1860

Lernmittel

Als Ahnen- und Familienforscher ist es ratsam, sich eine eigene kleine Fachbibliothek aufzubauen. Und mittlerweile gibt es auch Massen an Büchern über das Erlenen alter Schriften.

Bei der Auswahl behalten wir uns folgende Fragen im Hinterkopf:

  • Welcher Zeitraum wird behandelt?
  • Ist das Format ansprechend?
  • Der Preis?
  • Gibt es Transkriptionen zu den vorgestellten Texten?
  • Sie die Textbeispiele gut lesbar?
  • Genügt uns ein Buch oder wollen wir doch mehrere?

Ein Buch, das den gesamten Zeitraum der »Deutschen Schreibschrift« abdeckt, stammt vom oberösterreichischen Landesarchiv: Schriftbeispiele. Handschriften des 15- bis 20. Jahrhunderts, 6. erw. Aufl., Linz 2014

Suchen wir gezielt für das 20. Jahrhundert samt Sütterlin, dann ist das erwähnte Buch von Manfred Braun geeignet: Deutsche Schreibschrift. Kurrent und Sütterlin lesen lernen, Knaur: München, 2015

Schriftbeispiel Deutsche Schreibschrift 1725

Deutsche Schreibschrift 1725

Video zur Literatur (erweitert)

Abseits von Büchern

Neben Lehrbücher gibt es auch andere Möglichkeiten, die »Deutsche Schreibschrift« zu erlernen.

In Foren, Mailinglisten und Facebookgruppen werden immer wieder Anfragen zu Lesehilfen gestellt und von anderen Benutzern auch gerne beantwortet. Hier bietet es sich an, nicht nur selber, um Hilfe zu fragen, sondern still mitzulesen (kiebitzen). Also sehen wir uns die Anfragen unserer Kollegen und Kolleginnen an, versuchen so viel wie möglich zu entziffern, und vergleichen unser Ergebnis mit den Vorschlägen Anderer.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Kurse zu belegen: An Volkshochschulen, in Genealogie- und Geschichtsvereinen, falls diese sie anbieten, an Universitäten – sofern wir dazu berechtigt sind.

Ich hatte zusätzlich noch das Vergnügen, meinen ersten Text zusammen mit zwei alten Damen zu lesen. Leider fällt diese Option immer häufiger aus. Aber falls Sie noch Verwandte oder Bekannte haben, die die »Deutsche Schreibeschrift« in der Schule gelernt haben bzw. diese auch danach angewendet haben (oder es sogar noch tun), fragen Sie sie.

Und wer lieber den digitalen Weg einschlagen möchte, dem bietet die Digitale Schriftkunde der bayrischen Archive eine umfangreiche Seite.

Schriftbeispiel Deutsche Schreibschrift 1676

Deutsche Schreibschrift 1676

Welchen Weg wir auch nehmen, für das Erlernen der alten Schriften brauchen wir Zeit und Geduld. Zudem müssen wir uns in jede Handschrift erst einarbeiten.

Aber wie heißt es so schön?

Übung macht den Meister.

Schluss

Zum Schluss möchte ich noch kurz das Thema Schreiben ankratzen. Es heißt oft, dass das Schreiben einer Schrift dabei hilft, sie zu lesen, weil wir uns dann eher vorstellen können, wie durch den Fluss des Schreibens ein Wort oder ein Buchstabe zustande gekommen ist.

Im Prinzip ist das auch richtig, aber unbedingt notwendig ist es nicht. Wenn Sie es dennoch probieren wollen, tun Sie sich keinen Zwang an. Bedenken Sie aber, dass die Deutsche Schreibschrift sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat, dass es lokale Traditionen und Beimischungen anderer Schriften gab.

Und anders als in der Schule gilt es nicht jeweils einen Buchstaben zu lernen, sondern eine Vielzahl.

Podcast zum Thema

Quellen der Schriftbeispiele

Beispiel 1927: Matricula AT-W St 20 Zwischenbrücken 2-22, 7/7
Beispiel 1860: Matricula AT-W St 19 Sievering 1-9, 91/94
Beispiel 1725: Matricula AT-DSP Tulln 1-6, 44
Beispiel 1676: Matriclua AT-DSP Langenrohr 1-1, 29/30





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