Ahnenforschung: Wie weit geht es zurück?

Ahnenforschung leicht gemacht | Anleitung Teil 1

Wenn ich mit anderen Leute zusammenstehe und längere Zeit warte, oder bei Vorstellungsrunden am Beginn eines Kurses, kommen meist zwei Fragen wie aus der Pistole geschossen, sobald ich erwähne, ich sei Ahnenforscher: Wie weit kommst Du zurück? Und: Geht das bei mir auch. In diesem Moment prasseln tausend Gedanken auf mich ein. Und immer entgegne ich doch mit einer simplen aber nebulösen Antwort: Das kommt darauf an.

Worauf es denn da ankommt, auf das gehe ich dann nicht nur im Gespräch genauer ein, damit mein Gegenüber eine befriedigende Antwort erhält, dem dient auch der folgende Text.

Erinnerungshorizonte

Am Beginn des Interesses an Ahnenforschung stehen meist Fragen, wie: Wo komme ich her? Wer waren meine Vorfahren? Was bedeutet mein Name? Gibt es noch andere, die ihn tragen? Und vieles mehr. Das war bei mir nicht anders. Und als Erstes habe ich einfach meine Familie gefragt: Meine Mutter, die Großeltern, eine Urgroßtante.

Da kommen bereits eine ganze Menge an Informationen zusammen, an Geschichten, Namen und Daten. Doch früher oder später stößt dieses Wissen an Grenzen. Die Erinnerung reicht nicht unendlich weit zurück. Wir brauchen also historische Quellen. Die muss jemand angelegt haben. Und die müssen die Zeiten überdauert haben.

Kirchenbücher

Die wichtigste Quelle in der Ahnenforschung sind die Kirchenbücher, in denen Taufen, Trauungen und Begräbnisse verzeichnet worden sind. Nur in diesen Quellen sind eindeutige familiäre Zusammenhänge massenhaft niedergeschrieben. In Österreich werden sie auch Matriken oder Matrikeln genannt, in der Schweiz Rodel oder Rödel.

Das Führen dieser kirchlichen Aufzeichnungen hat das Konzil von Trient im Jahr 1563 beschlossen. Leider war Reisen damals mühsam und gefährlich, oder manche Pfarrer gar nicht einverstanden mit der Mehrarbeit, und so dauerte es Jahre und Jahrzehnte, bis in den Pfarren damit begonnen wurde. Zudem betraf der Beschluss nur Taufen und Trauungen. Das Führen von Sterbeeinträgen kam erst 1614 hinzu mit den römischen Ritualen (Rituale Romanum) von Paul V. In Bayern z.B brauchte es mehr als dreißig Verfügungen bis 1790.

Auch wenn es zuvor schon vereinzelt „Kirchenbücher“ gegeben hat, sogar bereits in der Antike, so war es doch der Konzilsbeschluss, mit dem sie flächendeckend in der katholischen Kirche eingeführt worden sind. Für protestantische Regionen gab es teilweise schon davor Anweisungen an die Pastoren, Kirchenbücher zuführen, teilweise auch erst danach. Aber erst die Verordnung von Josef II. im Jahr 1784 führte eine allgemeine Matrikenführung ein, und zwar für alle Konfessionen – freilich galt dies nur für das Gebiet des Heiligen Römischen Reiches (Deutscher Nation).

Dreißigjähriger Krieg

Warum es trotz des Beschlusses des Konzils von Trient nicht zumindest bis um 1600 zurückgeht, hängt mit dem Dreißigjährigen Krieg zusammen (1618-1648), der besonders in Mitteleuropa gewütet hatte. Hier wurden ganze Regionen entvölkert: Es wurde geplündert und gebrandschatzt, die Bevölkerung vertrieben, ermordet, dem Hungertod überlassen oder die Menschen fielen Seuchen zum Opfer – oft bedingte das Eine das Andere.

Aber auch in Regionen, die relativ unbehelligt geblieben sind, kam es zu Verwerfungen, wenn die Dorfbevölkerung geschlossen zum Protestantismus konvertierte und ihren katholischen Pfarrer vertrieb. Dann gab es niemanden, der Einträge vornahm. In anderen Fällen wiederum, weigerten sich Priester, Konvertierte zu verzeichnen.

Nach dem Krieg dauerte es mancherorts hundert Jahre, um die Kriegsfolgen zu tilgen. In Böhmen und Mähren wurden Bauern aus dem heutigen Deutschland geholt, um die Bevölkerungsverluste wieder auszugleichen – inklusive von Pfarrern. Dies geschah nicht von heute auf morgen. Es brauchte Zeit. Daher verwundert es nicht, dass viele Kirchenbücher erst in den 1660er bis 1680er Jahren beginnen.

Katastrophen und Migration

Auch nach dem Dreißigjährigen Krieg gab es Katastrophen, die zum Verlust von Kirchenbüchern führten: Erdbeben, Überschwemmungen, Brände, Kriege, Plünderungen, Diebstähle, Verlegungen. Für Ostösterreich ist besonders die zweite Türkenbelagerung von 1683 zu nennen. Wieder kam es zu Plünderungen, Brandschatzungen, Vertreiben oder Ermorden ganzer Dorf- und Stadtbevölkerungen, sogar zu Verschleppungen ins Osmanische Reich.

Aber auch das Sozialverhalten unserer Vorfahren stellt uns heute vor Probleme. Gemeint ist die Mikromigration im Rahmen des Gesindedienstes sowie die Generationenabfolge. Mädchen und Burschen, Männer und Frauen im Alter von 12 bis 19 Jahren mussten als Mägde und Knechte arbeiten – entweder zeitlebens oder bis zu ihrer Hochzeit. Der Migrationsradius erstreckte sich dabei auf bis zu 20 Kilometer, was auch für die Heiratsmigration galt.

Regional gab es aber große Unterschiede beim Gesindedienst. In manchen Gebieten wurde er am elterlichen Hof geleistet, in anderen am Hof von Verwandten oder Bekannten, entweder im selben Dorf oder im Nachbardorf, das dann auch schon mal in einer der Nachbarpfarren lag.

Daneben gab es Gruppen, die besonders mobil gewesen sind, wie z.B. Hirten, Gesellen auf Wanderschaft, Facharbeiter (z.B. Steinmetze, Glasbläser, usw.), Soldaten (Söldner), und viele andere.

Es gibt noch eine weitere Form der Migration: die Grundherrschaftliche. Gemeint ist damit, dass der Grundherr seinen Untertanen auftragen konnte, ihre sieben Sachen zu packen, um in ein anderes seiner Dörfer zu ziehen, dass auch schon mal hunderte Kilometer entfernt liegen konnte. Diese Bauern standen vor der Aufgabe, das Land urbar zu machen, oder bestehende Lücken in der Bevölkerung aufzufüllen. Grundherrschaft und Leibeigenschaft wurden im 18. und 19. Jahrhundert schrittweise aufgehoben und abgeschafft (bis 1848).

Eine weitere Erschwernis der Erforschung von Ahnenlinien und Familien ist dem mangelndem Informationsgehalt von Kirchenbucheinträgen geschuldet, wenn bei Heiratseinträgen die Angaben zu den Eltern bzw. der Väter des Brautpaares fehlen. Auch der Umstand, dass der aktuelle Wohnort genannt wird, nicht aber der Geburtsort, kann zum abrupten Ende einer Forschung führen.

Die Generationenabfolge kann schon mal 50 Jahre und mehr umfassen (der Durchschnitt liegt bei 30 Jahren). Das ist die Zeit, die zwischen der Geburt des Vaters und seines Kindes liegt, über das eine Linie fortgesetzt wird. Daran Schuld trägt der Gesindedienst samt Heiratsbeschränkungen, der zu einem durchschnittlichen Heiratsalter von 25 bis 30 Jahren führte. Die hohe Kindersterblichkeit wiederum machte es notwendig, dass Frauen ihre gesamte Fruchtbarkeitsphase aufwenden mussten, um Kinder zu gebären, die auch das Erwachsenenalter erreichten. Starb die Ehefrau früh, heiratete der hinterbliebene Mann erneut, meist eine jüngere Frau, die dann ebenfalls über einen Zeitraum von 20 Jahren schwanger werden konnte.

Wenn wir nun eine Ahnenlinie zurückverfolgen, ist es leicht möglich, dass wir auf Grund einer großen Generationenabfolge, den Beginn eines Kirchenbuches weit verfehlen. Statt bis z.B. in die 1680er Jahre zu kommen (wenn das erste Buch 1681 beginnt), stammt das älteste Datum unserer Linie aus den 1710er Jahren. In diesem Zeitraum gab es eine Hochzeit, doch die Taufe des Bräutigams lag vor Beginn der Aufzeichnungen.

Andere kommen aber viel weiter zurück!

Immer wieder gibt es Leute, die damit prahlen, sie kämen zurück bis ins 16. Jahrhundert oder gar ins Mittelalter. Und da ist es verständlich, sich zu fragen, wie die das schaffen? Meine erste Reaktion besteht immer in einer Gegenfrage: Ehrlich oder geschummelt?

Wenn wir bedenken, dass im Mittelalter über 90% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig waren, also in den Dörfern gelebt haben, dann ist klar, dass die Meisten der heute Lebenden von dieser Landbevölkerung abstammt. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass gerade mal 10% der Leute dem Adel, dem Klerus und dem Bürgertum angehörten, wobei der Klerus kaum Nachkommen hatte – die Reformation begann ja erst im 16. Jahrhundert. Und an diesen Zahlen hat sich bis zur industriellen Revolution im 19. Jahrhundert wenig geändert.

Es ist aber nur über diese kleine Gruppe möglich, wirklich bis ins Mittelalter zurückzukommen, da es für die Bauernfamilien kaum oder gar keine Quellen gibt. Allerdings bleiben auch beim Adel viele Lücken, sofern es sich nicht um Hochadel handelt. Dynastien wie die Habsburger sind durch zeitgenössische Quellen gut dokumentiert, beim niedrigen Adel ist die Situation oft dürftig.

Es gibt aber Leute, die sich so sehr nach einer adeligen Abstammung sehnen, dass sie diese einfach erfinden. Manchmal recht dreist, oft über jede Menge Wenns und Abers – sie konstruieren so lang an ihren Stammbaum herum, bis er eben passt, indem sie einem Adeligen ein uneheliches Kind andichten, über das sie sich wiederum herleiten.

Bleiben die, die etwas weiter zurückkommen, ohne dabei zu „schummeln“. Dies lässt die Quellenlage zwar zu, viele Generationen darf man sich aber nicht erhoffen. Zudem besitzen die Quellen jenseits der Kirchenbücher weit weniger Informationen zur tatsächlichen genealogischen Beziehung. Und es bestehen immer wieder Lücken zwischen den Generationen bzw. lassen sich Lebensdaten gar nicht erst feststellen. Die eine oder andere Generation über Kirchenbücher hinaus ist bei manchen Linien aber durchaus drinnen.

Schluss

Wenn wir nun all dies in unsere Überlegungen miteinbeziehen, dann wird klar, warum die Eingangsfrage nicht in einem kurzen Satz zu beantworten ist. Je nachdem wohin eine Linie führt, geht es eben weiter zurück oder es kommt früh zu einem abrupten Ende. Die Grafik Ahnenlinien demonstriert dies. Dabei handelt es sich um eine Auswahl meiner Vorfahrenlinien. Der Name Tobolka ist doppelt, weil er zweifach in meiner Ahnenreihe vorkommt: einmal über eine väterliche Linie, einmal über eine mütterliche.

Aber auch wenn sich die meisten Ahnenlinien nur bis ins späte 17. oder frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen lassen (manchmal gar nur bis um 1800), wären dies bei zehn Generationen bereits 1024 Vorfahren – jede weitere Generation verdoppelt die Zahl. Das ist eine Menge. Und es handelt sich dabei nur um direkte Vorfahren. Da gibt es keine Onkeln, keine Tanten, oder Geschwister, Cousins und Cousinen, keine Nachfahren dieser Verwandten im Stammbaum.

Wenn es also nicht so weit zurückgeht, wie gewünscht oder erhofft, kann auch Familienforschung samt einer Nachfahrensuche eine spannende und erfüllende, teils erhellende Beschäftigung sein. Für mich war und ist es jedenfalls so.

Gencast Episode 1





4 Kommentare
  1. Andrea
    Andrea sagte:

    P.S. Die Vorfahrin, deren Mutter früh gestorben und deren Vater unbekannt ist, hat noch einen Sohn gehabt, jedoch vor der Hochzeit mit dem Ehemann. Unklar, ob der spätere Ehemann der Kindsvater gewesen ist oder nicht.
    Diese Spur führt erstaunlicherweise nach Salzburg und im Taufeintrag steht sogar der Hinweis zu einer zweiten Ehe dieses Sohnes und das Sterbedatum. Aus der ersten Ehe dieses Sohnes gibt es Nachkommen, allerdings weiß ich nicht genau wie weit diese Linie führt.

    Die Welt ist doch wirklich ein Dorf.

    Herzliche Grüße

    Andrea

    Antworten
  2. Andrea
    Andrea sagte:

    Danke auch für diese Antwort hier. *freu*

    Naja, so schlimm ist es mit dem Ahnenschwund dann eh nicht. Ein Vorfahrenpaar hat 7 Kinder gehabt, von denen 2 meine Vorfahren sind. Alles also ganz einfach.

    Bei Interesse kann ich gerne Stammbäume bzw. Ahnentafeln per Mail schicken, um nähere Details herzuzeigen.
    Das Vorfahrenpaar hat im 19. Jahrhundert bzw. spätem 18. gelebt und fällt daher nicht unter den Datenschutz.

    „Allerweltsnamen verheißen viel Arbeit. Sie könnte alle Vorkommen eines Namens heraussuchen und die Familien rekonstruieren, um so die jeweiligen Linien auseinanderzuhalten bzw. auf die korrekte Abfolge zu kommen.
    Achten Sie bei der Zuordnung der Kinder auf die Taufpaten. Heiraten können in Nachbarpfarren stattgefunden haben. Manchmal auch die eine oder andere Taufe.“

    Genau das habe ich auch vor, das Suchen der Namen und dann das Zuordnen, anhand der Register ist das im 19. Jahrhundert einfach.

    Was die Taufpaten und das Heiraten in einem Ort angeht, sind meine Vorfahren/innen – so ich das recherchiert habe – nicht sehr kreativ und nicht sehr mobil gewesen – leider oder gottseidank.
    Immer wieder tauchen entweder bereits vorhandene Verwandte – Großeltern/Tanten/Onkeln – oder Freunde der Familie auf.

    Heiraten sind viele erforscht, dafür fehlen mir zwei Sterbedaten, beide im 19. Jahrhundert.
    Unklar wann die Vorfahrin gestorben ist. Irgendwann zwischen 1848 (da hat sie ein Kind geboren – das letzte in einer langen Reihe) und sie ist nicht im Kindbett gestorben, was mein erster Gedanke gewesen wäre) und 1860 (da hat mein Vorfahre geheiratet und sie wird als „selig“ also verstorben, bei dessen Trauungseintrag angeführt).
    Da muss ich dann wohl woanders nachschauen, doch ich weiß nicht wo.

    Bei einer anderen Vorfahrin ist der Vater unbekannt und die Kindsmutter stirbt, als das Kind – ein Mädchen – gerade mal 2 Jahre alt ist, im Alter von noch nicht ganz 25 Jahren an Typhus. Das Mädchen wird erwachsen, heiratet einen entfernten Verwandten und bekommt 2 Söhne, von denen der jüngere mein Vorfahre ist.
    Über den Vater der Vorfahrin kann ich nicht einmal spekulieren.
    Ist es der Briefträger gewesen oder ein Handwerksbursch auf der Stör oder . 😉
    Warum die Kindsmutter den Kindsvater nicht geheiratet hat ? Nicht können ? Nicht wollen ? Nicht dürfen ? Hmm.
    Auch das wird ein Geheimnis bleiben.

    Herzliche Grüße

    Andrea

    Antworten
  3. Christian Tobolka
    Christian Tobolka sagte:

    Vielen Dank für den Kommentar,

    Allerweltsnamen verheißen viel Arbeit. Sie könnte alle Vorkommen eines Namens heraussuchen und die Familien rekonstruieren, um so die jeweiligen Linien auseinanderzuhalten bzw. auf die korrekte Abfolge zu kommen.
    Achten Sie bei der Zuordnung der Kinder auf die Taufpaten. Heiraten können in Nachbarpfarren stattgefunden haben. Manchmal auch die eine oder andere Taufe.

    Zum Ahnenschwund: Ich indiziere gerade das Dorf Kutscherau in Mähren. Da finden sich Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts bei fast jeder Hochzeit ein Dispens wegen zu naher Verwandtschaft.

    freundliche Grüße,
    Christian

    Antworten
  4. Andrea
    Andrea sagte:

    Meine Vorfahren väterlicherseits gehören zu den 10% die keine Bauern gewesen sind, da es in dieser Gegend keine gibt/gab, dafür jedoch andere Berufe. Und mobil sind die Ahnen/innen auch nicht gewesen, dafür haben sie Allweltsnamen gehabt, die in diesem Dorf auch heute noch existieren. Das ist fast wie Schwammerl suchen.
    Oft finde ich vor lauter Stammbäumen den Wald nicht mehr. 😉
    Und Ahnenschwund habe ich auch, ab der 6. Generation – von mir als die 1. Generation ausgehend.

    Herzliche Grüße

    Andrea

    Antworten

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